Kritische Fragen

Wann weiß man eigentlich, ob man seinem Freund bei einem Bier gegenüber sitzt oder seinem potentiellen Geschäftspartner? Wie schützt man sich vor der Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche? Was passiert mit den spielerischen Freiräumen der analogen Bohème, die innerhalb der digitalen Bohème fast verschwinden, welche sich fast nur noch um Arbeit kreist? Und sind sie tatsächlich eine Gegenbewegung oder doch einfach nur Vorreiter des nächsten Modernisierungsschrittes?

Harte Worte fallen im folgenden Beitrag, der kritisch das Phänomen Digitale Bohème von allen Seiten beleuchtet. Holm Friebe kommt zu Wort und andere freiberufliche Künstler. Aber auch ein Gewerkschaftsaktivist, der die digitalen Bohemians als einen Haufen „milchkaffe-schlürfender elitärer Kacke, die ‘ne große Nabelschau betreiben“ charakterisiert.

milchkaffe-schlürfende Elite?
Und die Forderungen nach mehr Selbstkritik und dem zu Sprache kommen lassen von Themen wie Selbst- ausbeutung oder Selbstzweifel, sind, meiner Meinung nach, gerechtfertigt. Auf der anderen Seite halte ich wenig von Äußerungen wie „Von den psychologischen Folgekosten ganz zu schweigen. Wenn die Grenzen zwischen Leben und Arbeit verschwimmen, wenn plötzlich alles Arbeit ist (…) wo bleibt bei dieser totalen Ökonomisierung das bessere Leben?“

Dieses Statement geht von der Annahme aus, dass die künstliche Einteilung zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit gut ist und die einzig richtige Lebensform ist. Und es benutzt einen sehr schwammigen Arbeitsbegriff: Arbeit ist schließlich viel mehr, als das was sich zwischen neun und fünf hinterm Computer im Büro abspielt. Wer sagt, dass es nicht Leute gibt, die genau diese „Entgrenzung“ als Befreiung sehen?

Es ist auf jeden Fall wichtig, sich diese Fragen im Diskus um die Digitale Bohème zu stellen. Hört es euch selber an:

commandermasterchief.wordpress.com

Eine Antwort zu “Kritische Fragen”

  1. Finde ich sehr interessant, was du über Entgrenzung und Befreiung schreibst. Historisch gesehen ist diese strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit jedenfalls sehr neu – seit der Industrialisierung eben. Ich denke, genau diese Trennung ist es, die den Menschen zu schaffen macht, und die von verschiedenen Kulturkritikern als „Entfremdung“ bezeichnet wurde. Jedenfalls ist das meine Beobachtung aus der analogen Bohème, bei der ich gerade zu Besuch war. Fahrende Künstler, Straßenmusiker, Markthändler, Wahrsager, Hippies – sie alle leben ein Vagabundenleben, um aus eben dieser Trennung des eigenen Lebens in verschiedene Bereiche wieder eine Einheit werden zu lassen.
    Die kritische Frage bezüglich der digitalen Bohème ist wohl eher: Leben sie tatsächlich ein Leben, in dem Arbeit und Freizeit als Kategorien verschwunden sind, in dem es dennoch Zeiten der Tätigkeit und der Muße gibt – oder ist es ein Leben, das nur aus Arbeit besteht?

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