Danke an pvp
Hier ein weiteres Interview mit Holm Friebe im „Labor für Entrepreneurship“, das über die im Buch „Wir nennen es Arbeit“ diskutierten Thesen hinausgeht. Es geht um die Entstehung des Freiberuflernetzwerkes ZIA, über unkonventionelles Marketing und die Leiden Friebes als Wirtschaftsstudent.
Die Frage bleibt: Wieviel Menschen verdienen tatsächlich aureichend Geld durch das Internet und wieviele krebsen irgendwie am Existenzminimum herum? Inwiefern macht es glücklich und inwiefern arm?
Ganz interessant ist der Beitrag über das digitale Proletariat – der die Gefahr darin sieht, dass die Jobs, die es so im Internet für AlleinunternehmerInnen gibt, nicht eher schnell die digitale Boheme zum digitalen Proletariat werden lassen. Als Beispiel wird Amazon Mechanical Turk genannt. – Also hatte Mercedes Bunz mit ihren Urbanen Pennern doch recht?
Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die freiwillig ihren gesicherten Job aufgeben um sich in die ungewisse Selbstständigkeit zu begeben und sind froh über diesen Schritt: Endlich Lebensqualität!
Hat die heutige Boheme ihren Subkulturcharakter verloren? Gerade im Hinblick auf 40 Jahre Abstand zu den 68ern ist das eine wichtige Frage. der Boheme von heute wird immer wieder vorgeworfen, dass sie sich angepasst hat – und noch viel schlimmer, dass ihre Werte und Überzeugungen nun in die Massenkultur übergehen. In Mainstream der Minderheiten z.B. schreiben die Autoren Terkessides und Holert darüber, wie aller Kopf und gegenkulturellen Bewegungen in einen Mainstream übergehen, der von einem Differenzkapitalismus gesteuert ist. Das ist nur ein Beispiel. Viele stellen die kreativen Leute von heute als komplette Marionetten eines bösen Kapitalismus dar, der irgendwo da draußen auf sie lauert. Lobo und Friebe vor sehen das in „Wir nennen es Arbeit“ ein wenig gelassener: der Mythos der Gegenkultur sei sowieso schon immer hinfällig gewesen, jedoch lassen sich die Ökonomie trotzdem benutzen um die Spielräume der Kunst zu erweitern. Die Frage sei wer wen beherrscht und ausnutzt. Siehe dazu auch die Diskussion bei meinem anderen Beitrag.
Irgendwie lande ich bei meinen Recherchen immer wieder in Wien… Creative Industries ist ein Netzwerk für Unternehmer und Unternehmerinnen die in der kreativen Industrie in Wien arbeiten. Die Begründerin dieser Seite, Andrea Hurton, hat auch ein Buch geschrieben: „1000 Tage bis zur Zukunft. Moden und Trends am Vorabend der Jahrtausendwende. „Dort schreibt sie auch über die Bohemisierung der Wirtschaft. Auf der Seite fand ich auch einen Link zu der Creative Capital Konferenz in Amsterdam, die 2005 stattfand und sich eben mit Ökonomien im Bereich der Kreativwirtschaft beschäftigt. Auch sehr interessant.
Aber auch in Ohio wird über das kreative Kapital nachgedacht und wie es die Wirtschaft beeinflussen kann:
Man kann ja von Power-Point-Präsentationen halten was man will, aber diese verschafft einen guten Überblick über die Entwicklungen der Erwerbsarbeit von 2000 – 2006. Sie ist von Eckehardt Hildebrandt vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Die digitale Bohème wird auch zitiert:
Dachte mir, ein paar Auszüge aus meinem Feldforschungstagebuch versüßen das Blog!
01.02.08
Fieldwork live with hot chocolate and carrot cupcake
Nach dem Interview gehe ich noch in ein anderes Café in der Kastanienallee um das Interview auszuwerten. Chillige R&B Musik ertönt in einer der klassischen Coffeebars in Prenzlberg. Das Kuchenregal surrt beruhigend vor sich hin. Mich strahlen eine heiße Erdnussschockolade und ein Möhrencupcake an, über und über mit weißer Creme bezogen. Draußen fährt die Tram. Szenige Leute stolzieren in Lacklederstiefeln vorbei. Eine Businessfrau liest bei einem schnellen Espresso die Tageszeitung. Das schrille Orange der Apfelsinenberge, im türkischen Obstladen von gegenüber, erleuchtet die Straße. So muss Feldforschung sein, oder?
26.04.08
Ich sitze in einer Galerie in Prenzlauer Berg. Weiße Wände, konzentriertes Summen vom Beamer, der eine Videoinstellation an die Wand projiziert. Skulpturen, Bilder, Lichtreflexe. Es ist ruhig, die Straße lebt draußen entspannt vor sich hin, ich kann mich bestens auf meinen Laptop konzentrieren. Hier in der Galerie kommt nur alle paar Stunden jemand vorbei. Es ist wie im Büro, nur schöner: Kunst umgibt mich. Es ist wie zuhause, nur ruhiger: Kein Telefon klingelt. Ich bin inmitten von Szene, Kunst, Wissenschaft und urbaner Kultur und darüber hinaus unglaublich produktiv. Irgendwo, nicht weit von hier, müssen sie sitzen, die DiBo’s. Ich spüre eine Verbundenheit durch Mauern oder Straßenzüge hinweg. Eigentlich biete ich ein klassisches Bild: Eine karge Spanplattenplatte auf zwei Balken in einem Berliner Altbau mit Dielen. Ein Laptop. Eine Tasse Kaffee und ein paar Skripte. That’s bohème, darling! And digital anyway!
Du bist Tellerwäscher oder auch Grafikdesignerin? Dir geht dein Überleben und irgendwie über die Runden kommen langsam auf die Nerven? Du willst etwas tun? Dann auf zum Mayday.
Die Veranstalter schreiben:
„Macht der Prekarisierung?
Die Verinnerlichung der Vorstellung, dass alle ihres Glückes eigener Schmied seien, ist heute darin gemündet dass wir alle Unternehmer unserer selbst sein müssen, die permanente Selbstvermarktung inklusive. Wir arbeiten jetzt immer und überall, mit Haut und Haaren!
In zahllosen Kleinbetrieben hoffen prekär Beschäftigte beim Tellerwaschen oder Grafikdesignen auf die Einlösung des Heilsversprechens der “sozialen Marktwirtschaft”: Für die einen wäre dies ein sicherer Aufenthaltsstatus, für die anderen eine Festanstellung mit Sozialversicherung. Daneben ist die Drohung mit Prekarisierung und Verarmung ein Motor zur eifrigen Unterordnung an die “Erfordernisse des Marktes”: unbezahlte Praktika, Lohnverzicht in Tarifrunden, Konkurrenz, Vereinzelung….
Auch wenn die Lebensrealitäten von Illegalisierten in der Niedriglohnbranche und der digitalen Boheme sich unterscheiden, so laufen alle dennoch in demselben Hamsterrad um Anerkennung und einem Versprechen der Selbstverwirklichung. Die Zone, in der dieses Glücksversprechen existiert, wird durch innere und äußere Zäune begrenzt.
Prekarisierung der Macht!
Mit dem Mayday sind wir auf der Suche nach Widerstandsformen, die unsere Gemeinsamkeit erlebbar machen sollen. Mit dem Mayday wollen wir eine Organisierung in Bewegung bringen um das beschissene Hamsterrad zu zertrümmern.
Heraus zum Euromayday! Komm mit uns zur Maydayparade 2008: Bewegen, tanzen, demonstrieren – für die Prekarisierung der Macht, die Lust auf Solidarität, eine Stadt für alle und den organisierten Ichstreik gegen den Markt in unseren Köpfen. Wir sind die von der Wir-AG, unsere Börse ist die Straße und der Küchentisch. Die Batterie ist geladen, der Ipod ist schrott. Who cares? Wir sehen uns! In diesem Sinne – be.STREIK.berlin- be mayday!“
*Maydayparade//1. Mai ‘08//14 Uhr//Boxhagener Platz//Berlin*
Sehr nettes Video über die Digitale Bohème findet sich bei schnutinger.de! Anschauen!